In diesem Text soll es um die  vielen kleinen Hausbesetzerkneipen gehen, die im Zuge der Besetzungen wie Pilze aus dem Boden schossen und von denen heute noch einige überlebt haben, wie zum Beispiel das Supamolly in der Jessnerstraße. Da Kreuzberg der Nachbarbezirk von Friedrichshain ist, was ich allerdings erst am Tage der Grenzöffnung erfuhr, kamen viele der dortigen Autonomen und Wehrdienstverweigerer über die ehemalige Sektorengrenze und besetzten hier viele leerstehende Häuser so zum Beispiel in der Scharnweberstraße, in der Mainzer Straße, in der Liebigstraße, in der Kreuzigerstraße und in der Kinzigstr. .

Auf viele interessierte Kiezureinwohner  übte diese Ansammlung von jungen Leuten aus Westdeutschland und Westberlin, die sich vorgenommen hatten, mit alten verkrusteten Strukturen zu brechen und neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren, natürlich eine enorme Anziehungskraft aus. Einige sahen darin wohl auch einen Hoffnungsschimmer und ein Versprechen, dass eine neue Zeit angebrochen ist und alles möglich ist. Die ganze Sache damals war ja für uns ja ein bißchen wie ein Wunder.

Wir als Einheimische jedenfalls verspürten große Bewunderung für die organisatorischen und logistischen Leistungen der Besetzer. Häuser wurden wieder ans Stromnetz angeschlossen und kaputte Wasserleitungen repariert, Kneipen wurden gegründet und bespielt, Konzerte organisiert. Viele der Hausbesetzer kannten sich auch  gut mit der Gesetzeslage aus und erreichten eine formale juristische Anerkennung der Hausbesetzungen. Das alles kam uns Ostdeutschen wie aus einer anderen Welt vor. Noch mit den Scherbensongs( der Mariannenplatz war blau usw.) im Ohr ging man neugierig und mit Bewunderung ins Supamolly, in die Hausbesetzerkneipen in der Mainzer- und in der Kreuziger- und Schreinerstraße, ins X Beliebig in der Liebigstraße, zu Punkkonzerten in die Köpi in der Köpenicker Straße, ins SEK in der Scharnweberstraße (wobei man gar nicht wußte was Supamolly und SEK eigentlich bedeutete) und war begierig auf neue Erfahrungen und interessante zwischenmenschliche Begegnungen mit den neuen Landsleuten aus den alten Bundesländern.

Wenn man sich mal die Landkarte anschaut, dann klebt die EX DDR klein und unscheinbar rechts oben am Rand der großen Bundesrepublik. Zahlenmäßig waren wir auch in den Hausbesetzerkneipen enorm im Nachteil. Die paar Ostdeutschen, die ich da traf, wirkten sehr verloren und verunsichert unter den Hausbesetzern, die fast alle aus den alten Bundesländern stammten und zu denen sie trotz großer Bereitschaft keinen rechten Draht fanden.

In den Kneipen hörte man die deutsche Sprache in noch niemals vernommenen Mundarten. Ich werde nie vergessen, wie niedlich es sich anhörte, als ein Mädchen mit melodischem Zungenschlag Konschtanz  sagte. Die neuen Landsleute kamen aus Städten wie Landshut, Kaiserslautern, Baden-Baden, Worms oder Osnabrück, von denen ich bisher nur in Verbindung mit entführten Lufthansamaschinen, Fußballmannschaften, Romanen von Dostojewski und dem Niebelungenlied gehört hatte. Diese Orte waren vor der Wende für uns unerreichbarer als Hongkong oder Addis Abeba. Wie gesagt, wir waren voller Interesse für die Bewohner aus dem alten Deutschland, dass für uns das neue Deutschland war. Leider war das Interesse am gegenseitigen Kennenlernen meist nur einseitig. Die Besetzer wollten unter sich bleiben und man verhielt sich höflich aber kühl und meist ziemlich abweisend gegenüber den interessierten Einheimischen. Die meisten Personen in den Hausbesetzercafes, mit denen ich interessante Gespräche geführt habe, waren Ausländer oder ehemalige Ostdeutsche, die schon vor der Wende rüber gegangen waren. Trotz Sprachschwierigkeiten verstand man sich mit Russen, Holländern, Marokkanern und Brasilianern besser als mit den neuen Landsleuten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir 40 Jahre in einem völlig unterschiedlichen System aufgewachsen sind. Das was wir damals zu spüren bekommen haben, war wohl ein Identitätsverlust, der die meisten DDR Bürger betraf.

Anders erging es mir mit den Punks, die ein Haus in der Kinzigstraße 9 besetzt hatten und eine Kneipe, die K 9, betrieben. Man mußte klopfen, um eingelassen zu werden. Drinnen existierte ein freundliches, offenes Kollektiv, einfach ein Trupp von Leuten, die sich gut verstanden. Derjenige der hinterm Tresen stand, erhielt fünf Freibier pro Abend. So kann man auch reich werden. Hier wurde nicht nur nicht vegetarisch gegessen, sondern es traten sogar Skorbuterkrankungen auf, das ist eine Vitaminmangelerkrankung, die früher öfter bei Seefahrern, die nicht an frisches Obst rankamen, vorkam. Leider wurden die Punkhausbesetzer von den übrigen besetzten Häusern ein bißchen ausgegrenzt. Normalerweise halfen sich die einzelnen Häuser untereinander mit Materialien, Handwerkern und Know How aus, bloß die K 9 wurde davon ziemlich ausgenommen.

Zufällig las ich Jahre später einen Zeitungsartikel in dem davon berichtet wurde, wie ein paar verbleibende Bewohner und fünf Hunde mit der Drehleiter von der Feuerwehr aus dem Haus gerettet wurden, weil es brannte. Das war dann wohl das Ende dieser Punkerkommune. Ich weiß noch, dass einige der früheren Bewohner Familien gegründet haben und Umschulungen gemacht haben, einige sind wieder zurück in ihre westdeutsche Heimat gegangen und einer ist sogar Schriftsteller geworden und hat über seine damalige Zeit als Punk in Berlin einen interessanten Text im Internet veröffentlicht. „Übrigens falls Du das liest, Du bist nicht der einzige, der sich mit Fieber und halbverhungert zur Tankstelle schleppen mußte, um sich in der alten Heimat wieder aufpäppeln zu lassen.“

 Wie schon gesagt, viele Besetzerkneipen gibt es heute noch. Vor dem Supamolly sehe ich öfter noch viele Hausbesetzer  aus den Wendejahren sitzen. Sie haben vor 27 Jahren ihre Kinder in den Armen gehalten und heute werden  teilweise schon Enkelkinder vorhanden sein. Es kleben vor meinem Haus auch regelmäßig Plakate mit +Konzertankündigungen im Supamolly. Auch in der Köpi in der Köpenicker Straße werden heftig Konzerte gemacht. Leider muß ich abschließend bemerken, dass es trotz aller Bewunderung für die Hausbesetzer bei den meisten von uns nicht zu den erhofften freundschaftlichen Ost-Westverbindungen gekommen ist. Die Zeit damals war aber trotzdem eine wichtige Erfahrung, wenn auch nicht ohne Wermutstropfen.

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja