Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag für Lanrue, der heute am 14.1.2020 70 Jahre alt wird. Am 9. Januar wäre Rio 70 geworden.

Ich bin nur einer von vielen Raben
hab' meine Wünsche im Wald vergraben
kehr' immer wieder
immer noch mal
es ist mir wirklich
scheißegal
aber ich weiß nicht,
Warum

„S´ eben so“ aus der LP „Scherben IV“

Es ist merkwürdig, aber als ich an diesem 20. August 1996 einen Scherbensong im Radio hörte, hatte ich sofort den Gedanken: „Rio ist tot.“ Wann sonst wird „Ton, Steine, Scherben“ im Öffentlichen gespielt. Und ich sollte rechtbehalten, wie die Sprecherin bestätigte.

Ich hätte den Redakteuren dort gar nicht zugetraut, dass sie „Ton, Steine, Scherben“ überhaupt kannten und dass ihnen der Tod von Rio so nahe ging.

Sie hatten wohl auch mal bessere Tage gesehen.

Mir hat Rio Reiser mit dem „Ton Steine Scherben“ Album „Wenn die Nacht am tiefsten“ im Winter 96/97 in einer wirklich schlechten Phase mal fast das Leben gerettet, obwohl seines kurz vorher, am 20. August 1996, erloschen war.

Solche genialen Sprüche wie

„Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.“
oder „Die Tränen von gestern wird die Sonne trocknen, die Spuren der Verzweiflung wird der Wind verwehn, die durstigen Lippen wird der Regen trösten, die längst verlorn Geglaubten werden von den Toten auferstehen.“

gaben mir meinen Glauben an die Menschheit wieder.

Ähnliches erlebte eine Bekannte während einer Krise mit der Musik von Ulla Meinecke und bei einer anderen war „Brothers in Arms“ von Dire Straits der Retter in der Not. Einen Kumpel, der auf der Intensivstation lag, hat Metall aus seinem MP3 Player wieder auf die Beine gebracht.

Künstlern wird Unrecht getan, wenn man ihnen vorwirft keinen messbaren materiellen Nutzen zu erbringen, so nach dem Motto: „Seht die Vögel am Himmel. Sie sähen nicht, sie ernten nicht...und Euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ (Nach Matthäus)

An Rios 17.Todestag dem 20. August 2013 ist eine Gedenktafel am Haus Tempelhofer Ufer 32 am Landwehrkanal in Berlin/Kreuzberg, wo die Kommune der Scherben bis 1975 gewohnt hat, enthüllt worden.

In diesem Haus sprudelte einmal die lebendige Quelle, aus der eine Musik entsprang, die zu einem Strom wurde, der sich über das ganze Land ergoss und in jeden kleinen Winkel drang, im Osten wie im Westen Deutschlands und den Menschen Mut gab, sich zu wehren und an sich selbst und an die Kraft der Solidarität zu glauben.

„Allein machen sie dich ein, schmeißen sie dich raus und wenn du was dagegen machst, sperrn sie dich in den nächsten Knast. Wenn wir uns erstmal einig sind, weht glaub ich n`ganz andrer Wind...“
aus der LP „Keine Macht für Niemand“

Trotzdem die Scherben hüben wie drüben nicht im Radio gespielt werden durften, kannten sie bald viele Leute. Für alle, die nicht so reinpassten, von Kap Arkona auf Rügen bis zum Watzmann in Berchtesgaden, waren sie ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Hier war jemand am Werk, der das meinte, was er sang.

Unter der zwielichtigen langhaarigen Truppe vom Tempelhofer Ufer 32, die den Nachbarn suspekt war, fiel ein spilleriger Typ mit zerzausten Haaren gar nicht auf. Dabei war Rio der Kopf hinter dem Ganzen und schrieb die Texte für Ton Steine Scherben. Er war auch bekannt dafür, die Tür vom Tempelhofer Ufer 32 für jeden weit aufzuhalten, was nicht bei allen seiner Mitstreiter auf Zustimmung stieß.

„Komm rüber Bruder, reih dich ein, komm rüber Schwester du bist nicht allein.“
aus der LP „Keine Macht für Niemand“

Was Kreuzberg und Friedrichshain schon vor dem 9. November 1989 verband, war die große Verehrung für die Band „Ton Stein Scherben“, auf beiden Seiten der Mauer.

Bei den ersten Besuchen nach der Wende in den Hausbesetzer-Cafés in der Mainzer und in der Kreuziger mussten wir Friedrichshainer allerdings enttäuscht feststellen, dass „Die Scherben“ von vielen der Westberliner Autonomen zwar noch gehört werden, aber für sie schon der Vergangenheit angehören.

„Aber Rio, ich versteh Dich nicht. Ich weiß, dass Du eine verletzliche Dichterseele warst, aber warum hast Du Dir die Lebensbejahung, die Du anderen in Deinen Songs gepredigt hast, nicht selbst zu Herzen genommen, sondern stattdessen Deinen Körper mit Drogen zerstört? Ich dachte, Du wolltest über 10000 Jahre alt werden.“

„Ich bin über 10000 Jahre alt und mein Name ist Mensch.“
aus der LP “Warum geht es mir so dreckig“

Rio war wahrscheinlich irgendwie in der Zwickmühle. Alte Fans waren durch seine Solokarriere von ihm abgefallen. Für mich waren seine Solosachen auch total uninteressant, obwohl ich viele kenne, die ganz begeistert davon waren. Er war für mich der Typ Musiker geworden, der früher einmal gute Sachen gemacht hatte und jetzt kommerziell geworden ist. Der Gerechtigkeit halber muss ich aber erwähnen, dass ich aber bei jeder Enttäuschung immer sofort die Zeilen:

„Es ist vorbei, bei Junimond, es ist vorbei, es ist vorbei“
aus der LP „Rio I.“

auf den Lippen habe.

Ich entdeckte erst wieder durch das Album „Wenn die Nacht am tiefsten“ bzw. als bei mir die Nacht am tiefsten, was Rio für ein feinfühliger, sensibler, warmherziger Mensch war, der wohl auch schon oft durch die Hölle gegangen zu sein schien und verzieh ihm den „König von Deutschland“.

Er kam mir dünnhäutig und verletzlich vor. Mir wurde jetzt erst der große Verlust klar, den unser erst vor kurzem wiedervereintes Deutschland erlitten hatte.

Radio Fritz spielte am 20. August 1996 aus dem gegebenen Anlass den ganzen Tag lang bloß Scherben. In den Pausen zwischen den Songs wurden Anrufe von Fans entgegengenommen. Die Fans aus Ost- und Westberlin, die zu Wort kamen, hielten sich dabei zahlenmäßig die Waage.

Ich kann mich noch an einen Altlinken aus Kreuzberg erinnern, der Rio ebenfalls seine kommerzielle Phase verzieh, obwohl er den „König von Deutschland“ auch nicht mochte und an den Anruf der Managerin, Delia Müller, von unser Lieblingsband in Ost-Berlin „Freygang“, der ich früher zu DDR-Zeiten oft in solche Dorfgasthöfe wie Freiwalde, Ebersbrünn, Ruhland usw. hinterhergefahren bin.

Das erste Mal begegneten mir die Songs von „Ton, Steine, Scherben“ übrigens bei einem Konzert von Freygang in Freiwalde, in der Nähe von Berlin. Wenn „Freygang“ in Berlin gespielt hat, ist man wegen des großen Andrangs meist nicht reingekommen.

Das lag aber auch daran, dass vor der Tür brave FDJ-ler saßen, die mit dem langhaarigen Volk nichts im Sinn hatten. Dagegen in den Dorfgasthöfen auf dem flachen Lande wurde alles reingelassen, was reinpasste, ohne Rücksicht auf Brandschutzbestimmungen.

Dadurch hatte der Wirt seinen Getränkeumsatz und die Band eine gute Gage.

Die Band Freygang wurde 1977 von dem Sänger Andre Greiner Pohl in Ost-Berlin gegründet und löste sich 2019 auf. Sie sangen fast alle Songs von Scherben nach. In der DDR, wo Freygang als „die“ Anarchoband galt, hatten sie mehrmals Verbote „Auf Lebenszeit“, die aber auch immer mal wieder aufgehoben wurden.

Nach der Wende stellte sich heraus, dass auch Bandmitglieder und Freunde und Freundinnen von ihnen zeitweise für die Stasi gearbeitet hatten. Sehr authentisch über die Zeiten mit Freygang berichtet der ehemalige Bassist Kai Lutter in seinem Buch „Bluessommer“, dass ein spannender Roman über die Bluesszene in der DDR ist.

Jedenfalls um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, bei diesem Konzert in Freiwalde fragte ich meinen Kumpel Frankie, einen Hippietyp, der mich dorthin mitgenommen hatte, woher diese affengeilen Texte sind. Sie spiegelten unsere Realität in der DDR genau wider, auch wenn sie von einer Westberliner Band kamen. Ich denke da besonders an: „Ich will nicht werden was mein Alter ist.“ Ich wollte ebenfalls ganz anders werden als meine Mutter.

Ich höre sie noch sagen:

„...aus dir wird mal nicht viel. Alles, was du anfängst hörst du gleich wieder auf. Du kannst auch nie ´ne Familie ernähren ...“
aus der LP „Warum geht es mir so dreckig“

Andre, der Sänger von Freygang, sang auch den Scherbensong „Samstagnachmittag“, der die Stimmung am Samstag dermaßen genau auf den Punkt bringt, dass man den Song bloß hören muss und man wird sofort von diesem einzigartigen, speziellen Samstagnachmittagslebensgefühl erfasst.

Noch mehr verblüffte mich, als Freygang Andre plötzlich das Einheitsfrontlied von Bertold Brecht sang, ein altes Arbeiterkampflied, das wir in der Schule auswendig lernen mussten. Kumpel Frankie, der sich als Scherbenkenner entpuppte, wusste, dass dieses Lied von den Scherben adaptiert worden war. 

„Drum links zwei drei, drum links zwei drei, reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist.“
„Macht kaputt was Euch kaputt macht“ aus der LP „Warum geht es mir so dreckig“

Die Scherben waren, nachdem ich damals Anfang der 80ziger mit ihrer Musik angefixt worden bin, später immer in allen Situationen meines Lebens mit dabei. Sie mussten auch oft als Trost und Stütze herhalten. Wenn ich schon niemanden mehr hatte, hatte ich wenigstens noch Ton Steine Scherben. Manchmal denke ich aber, dass das nicht nur an den Scherbensongs liegt, sondern dass mich diese Musik an längst verlorene Kumpels erinnert und an längst vergangene Zeiten, bei denen im Hintergrund immer Scherbenmusik gelaufen ist.

Aber damals bei dem Freygang-Konzert in Freiwalde blamierte ich mich vor den anderen bis in die Knochen, weil ich „Ton, Steine, Scherben“ nicht kannte, die Leib- und Magenband der Langhaarigen im Osten, auch wenn sie sie nie live gesehen hatten.

Frankie überspielte mir auch einige Kassetten mit Scherbenmusik, aber am liebsten hörte ich diese Songs immer, wenn Andre Greiner Pohl (RIP Er verstarb leider am 15. Dezember 2008), der Sänger von „Freygang“, sie bei Konzerten live sang und als begnadeter Entertainer den Saal anheizte und ich mittendrin war, wenn die Massen tobten. Besonders bei „Jenseits von Eden“, das mich an „Symphaty for the devil“ von den Stones erinnerte, brannte die Luft.

„Mama, Mama warum hast du mich geborn, oder hat mich der Esel im Galopp verlorn?“
aus der LP „Scherben IV“

Die Managerin von der Gruppe „Freygang“, die beim Radiosender angerufen hatte, fand es nicht gut, dass die Musik von solchen Bands wie „Ton Steine Scherben“ immer nur dann gespielt wird, wenn jemand gestorben ist. Auch ihre eigene Band wird nicht gespielt.

Aber daran hat sich leider 24 Jahre später auch nichts geändert. Ich finde eher, die Musik im Radio wird immer uninteressanter. Viele, auch einige unter unseren Kollegen, finden Radio1 ganz gut. Ich dagegen bevorzuge Bayern II.

Ein Anrufer war ein Punk, der erst 15 war. Für ihn war die erste Begegnung mit Ton Steine Scherben genauso eine Offenbarung wie für mich damals in dem Dorfgasthof in Freiwalde. Auch er hätte nie vermutet, dass es sowas Geniales wie die Scherben überhaupt in Deutschland gibt.

Ich habe mich gefreut, dass Rios Texte zeitlos geworden sind und von vielen rebellierenden Kids heute noch genauso verstanden werden wie damals.

Es riefen auch noch sein Bruder Gert Möbius und Blixa Bargeld von „Einstürzende Neubauten“ an. Blixa saß übrigens dabei auf der Toilette. Beide waren eigenartigerweise die gute Laune selber, geradeso als wäre Rio im Alter von 112 friedlich eingeschlafen. Aber er wurde leider nur 46.

Während ich das hier alles schreibe, höre ich keine „Ton Steine Scherben“ Songs, sondern die „Foosteps in the dark“ von Cat Stevens mit dem Soundtrack aus „Harold und Maud“. Charles Bukowski soll ja immer den Klassiksender laufen gehabt haben, wenn er geschrieben hat.

PS: Rat von Rio: „Halt Dich an Deiner Liebe fest.“
aus der LP „Wenn die Nacht am tiefsten“

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja