Die Mutanten kommen; Ein leeres Portmonnaie; Ein Heiliger; Die Grüne Hölle; Eine Kaderakte; Berufsverbot

Der windschiefe Wellblechzaun zog sich endlos hin. Was hinter dem Zaun lag, konnte man nicht sehen, dafür war er viel zu hoch.
Dieser verlassene Fleck neben dem Ostbahnhof machte mir nicht wirklich den Eindruck, als ob es hier heute Abend etwas mit Geld verdienen werden könnte, und ich war völlig pleite. Ich sah meine Felle schon davonschwimmen.

Da erblickte ich endlich die unauffällige Tür im Zaun, von der der Mann in der Kneipe gesprochen hatte. Hinter der Tür wartete schon eine Gruppe von Leuten vor einem Pförtnerhäuschen. Wir alle wollten hier heute Nacht Pakete sortieren. Dass die Anderen genauso abgebrannt waren wie ich, sah ich auf den ersten Blick. Wir befinden uns im Jahr 1986.

2021 an derselben Stelle
Der ehemalige Postbahnhof an der Straße der Pariser Kommune, der von den einheimischen Berlinern immer noch Wriezener Bahnhof genannt wird, weil hier früher die Bahn nach Wriezen abfuhr, wirkt an diesem Sonnabendabend wie ausgestorben.

Eigentlich ist in die Gebäude des Postbahnhofs schon lange wieder „neues Leben“ eingezogen, was dieser großsprecherische Spruch auch immer im Einzelnen bedeuten mag. Und der alte Wellblechzaun, der früher hier war, ist auch schon lange abgerissen.

Aber wir sind jetzt gerade im zweiten Lockdown, auf den hoffentlich nicht noch ein dritter folgt, denn die Mutanten stehen schon in ihren Startlöchern, und die gesamte Kultur in Berlin liegt wieder mal völlig am Boden.

Zu DDR Zeiten bis Mitte der 90ziger war an dieser Stelle, in diesen Hallen das Paketverteilzentrum von Ostberlin. Danach, in den 90zigern bis vor ein paar Jahren, wurden hier Independentkonzerte gegeben, und jetzt hat ein Investor, der aber einen völlig anderen Musikgeschmack hat, alles auf schick getrimmt und wartet auf Einnahmen durch Mainstreamevents.

Die Zeiten, wo man sich hier mit Paketesortieren das schmale Budget etwas aufbessern konnte, sind lange vorbei. Zum Glück bin ich aber momentan auch nicht so darauf angewiesen, ganz anders ging es mir zu Vorwendezeiten.Ich frage mich manchmal, was die Kollegen vom Wriezener, mit denen ich hier in den 80zigern Pakete sortiert habe, heute so machen, denn ihre Arbeit auf dem Bahnhof hat ihnen, neben etwas Geld natürlich, wenigstens eine feste Struktur und das Gefühl, gebraucht zu werden, gegeben, und den Besuch einer Kneipe können sie sich wohl heute auch nicht mehr leisten. Eine, gar nicht mal so unwichtige, Auswirkung des Falls der Berliner Mauer ist ja auch, dass nach der Wende im Osten die Getränkepreise stark angezogen haben. Früher hat ein Bier in der Kaufhalle in Ostberlin dasselbe gekostet wie in der Kneipe. Für viele finanziell schlechter Gestellte ist damit nach der Wende die lustige (nicht immer) Kneipengeselligkeit weggefallen und ihr soziales Leben, wie der Wessi so schön sagt, ist verarmt. Das Wort „sozial“, dass jetzt inflationär in Gebrauch ist, hat im Osten übrigens keiner in den Mund genommen.

Auf die Möglichkeit, sich hier auf dem Postbahnhof Geld auf die Hand zu verdienen, hatte mich unbeabsichtigt mein ehemaliger Chef aufmerksam gemacht, als er mich, nachdem ich gekündigt hatte, in höhnischem Tonfall fragte, ob ich denn jetzt etwa vorhätte, am Ostbahnhof Pakete zu sortieren. Die Leute, die so etwas taten, standen in den Augen der ehrenwerten Bürger, auf der „untersten Stufe“ der Gesellschaft.

Was für ein Schwachsinn!

Weil ich auf meiner letzten Arbeitsstelle so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, schob ich die Suche nach einer neuen Stelle erstmal vor mir her. Als mir dann langsam das Geld ausging, fielen mir seine Worte wieder ein, und ich hörte mich um.

Das Paketverteilzentrum am Ostbahnhof bot die Möglichkeit, sich ohne eine Festanstellung Geld zu verdienen. Das nannte sich pauschal arbeiten. Dort haben zu dieser Zeit viele Leute gearbeitet, die nicht so in die sozialistischen Kollektive reingepasst haben wie Alkoholabhängige oder auch Punks und Langhaarige. Die meisten von ihnen waren übrigens sehr gute Arbeiter und haben die komplizierte Verteilerei bestens im Griff gehabt. Ohne Erfahrung, und ohne ein gewisses logistisches Talent, konnte man sich mit den vielen Waggons und Loren in den verwinkelten Hallen und auf den Bahnsteigen nicht zurechtzufinden. Ich, die ja nicht lange dort gearbeitet hat, habe das Sortiersystem dort nie durchschaut.  

Ein großer, hagerer Mann, der mit seinem langen schlohweißen Haar aussah wie ein Heiliger und dem man nicht zugetraut haben würde, dass er die Nachtschicht übersteht, stand ganz allein oben auf der Empore, von der die Paketbänder schräg abwärts führten. Er war der Kopf hinter der ganzen Verteilerei und kannte sich mit jeder Kleinigkeit aus.
Einmal wurde ich mit Jemandem auf einen Bahnsteig des Wriezener Bahnhofs geschickt, um einen Waggon auszuladen. Er gab mir zu verstehen, dass ich mich hinsetzen solle und entlud allein im Eiltempo den Güterwagen und stapelte die Pakete gekonnt auf die jeweiligen Gepäckloren, wozu Erfahrung gehörte. Er wird wohl schon seit Jahren dort Nachtschichten gemacht haben. Der nächste Waggon wurde reingeschoben, und wieder wollte er alles alleine machen.

Als er mit der Arbeit fertig war, saßen wir beide noch die halbe Sommernacht schweigend nebeneinander auf dem Bahnsteig auf einer Bank und schauten in die Sterne. Über uns der „Himmel über Berlin“*. Er fragte mich nicht aus und ich ihn auch nicht, worüber wir beide froh waren.

Scheinbar hatte mein hilfsbereiter Kollege, der feinfühlig und intelligent wirkte, in irgendeinem Winkel des Bahnhofs etwas zu trinken versteckt, denn jedes Mal, wenn er mal kurz wegging, kam er mit einer Fahne wieder. Ich glaube, um sowas richtig zu verstehen, muss man selbst Suchterfahrungen hinter sich haben.

Nach der Nachtschicht um 6 Uhr erhielten wir unser Geld und gingen zum Bahnhofskiosk auf dem Ostbahnhof. Während ich hungrig in eine Bockwurst biss, sah ich staunend zu, wie meine Kollegen vor meinen Augen eine Halbliterflasche Hochprozentiges auf Ex austranken. Das hätte mich aus den Schuhen geworfen.           
Danach zogen noch alle in eine Kneipe namens „Grüne Hölle“.

Sie soll wohl neben der Markhalle am Alex gewesen sein, öffnete schon um 6 Uhr oder sogar noch früher und trug ihren Namen wohl nicht zu Unrecht.
Dass ich damals nicht mit ihnen mitgegangen bin, bereue ich heute noch. Im schlimmsten Fall hätte ich gemeinsam mit den Anderen unter dem Tisch gelegen. Man muss alles Mal mitgemacht haben. In solchen Kneipen wie der „Grünen Hölle“ ist Berlin, wie es am Berlinischten ist.

Die „Grüne Hölle“ neben der Markhalle ist wohl heute schon lange ein Szeneschuppen, wo veganer Latte gereicht wird, und ich habe die Chance unwiederbringlich vertan, mal die berüchtigste Kneipe von Berlin kennenzulernen.

Meine Paketsortiererei auf dem Wriezener hatte übrigens ein Ende, als ich den Fehler beging, mich dort um eine Festanstellung zu bewerben, da ich endlich mal wieder versichert sein wollte. In meiner Kaderakte war eine Pfändung wegen eines Bibliotheksbuches enthalten. Natürlich hatte ich versucht, die Mahnkosten, die leider immer höher wurden, zu umgehen, aber sie haben meine neue Adresse herausgefunden und 150 DDR Mark, das war damals ein Drittel von meinem Gehalt, gepfändet. Dieses vermaledeite Buch, das ich nicht loswurde, hatte ich leider immer noch.

Und jetzt wollten sie mich auch noch deswegen kriminalisieren und ich musste mir in der Kaderabteilung vom Postbahnhof von einer Parteisekretärin, die mich zornig mit den Augen anfunkelte, Beschimpfungen anhören.

Ich verließ das Büro völlig geschockt.

Nachdem ich nicht eingestellt wurde, durfte ich merkwürdigerweise auch nicht mehr tageweise auf dem Paketbahnhof am Ostbahnhof arbeiten, was ich als ungerecht empfand.

Als ich abends mit dem Pförtner, vor dem eine Liste lag, auf dem mein Name rot markiert war, darüber diskutieren wollte, schwiegen die Anderen, die mit mir zusammen zur Nachtschicht angetreten waren, nur betreten. Es schien sich alles gegen mich verschworen zu haben.

Aber wo Schatten ist, ist auch Licht. Ein paar freundliche Kollegen hatten mir erzählt, dass man auch bei Narva tageweise arbeiten konnte. Gleich am nächsten Tag ging ich zum Einstellungsbüro von Narva und wurde auch sofort eingestellt und ging nach der Spätschicht glücklich und erschöpft, mit 40 Mark in der Tasche über die Warschauer Brücke zur S-Bahn. Das Leben geht weiter.

*Film von Wim Wenders

PS Ich nehme an, die Grüne Hölle hieß deshalb Grüne Hölle, weil sie in der Nähe von einem Platz in der Nähe der Markthalle war, auf dem sich früher der Frucht- und Blumengroßmarkt Berlins befand, der aber im Krieg zerstört wurde. Nachdem sie frühmorgens die Gemüsehändler und Blumenhändler abgefertigt hatten, haben sich die dortigen Arbeiter in der Grünen Hölle erst mal einen Absacker gegönnt und oft wohl auch einiges mehr.

Übrigens ging Anfang März eine Nachricht durch die Presse, nach der der sanierte Postbahnhof an einen neuen Eigentümer verkauft wurde. Dieser hat vor, den Postbahnhof zu Bürogebäuden umzubauen.

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja