Wir schreiben das Jahre 2021. Die Zeitzeugin Tanja, die 1962 geboren ist und aus Mecklenburg stammt, wohnt seit über 39 Jahren in Berlin,  davon über 31 Jahre, mit einer Unterbrechung von 5 Jahren, in der sie in der Gubener Straße wohnte, hier am Ostkreuz und kennt die Straßen rund um den Bahnhof Ostkreuz, wie beispielsweise die Sonntagsstraße und die Neue Bahnhofstraße, noch von früher her. Der Interviewer selbst lebt erst seit kurzer Zeit am Bahnhof Ostkreuz.

Interviewer: „Tanja erzähle mal, warum möchtest Du unbedingt, dass unserer Gespräch: „Steak „au four“ im Keller oder Ostkreuz liegt am Meer“ überschrieben werden soll!

Tanja: „Das mit dem Steak au four erkläre ich Dir nachher noch, aber die Titelzeile „Ostkreuz liegt am Meer“ kam mir in den Sinn, als ich an einem Freitagmittag im Sommer von meiner Arbeitsstelle, der Fotogalerie am Helsingforser Platz, kam, die Revaler Straße mit dem Fahrrad hochfuhr bis zum Bahnhof Ostkreuz und danach die Neue Bahnhofstraße durchquerte. Beide Seiten der Neuen Bahnhofstraße waren gerammelt voll mit Touristen, die fröhlich vor den vielen Cafes und Restaurants saßen und mittagaßen bzw. noch frühstückten.

Das war dasselbe Bild wie am Alten Strom in Rostock/Warnemünde, dort wo die Fischerkähne liegen und in der Sommerzeit alle Cafes längs der Straße von Urlaubern belagert waren. Meine Mutter und ich haben auch oft dort gesessen.

Wir waren früher eigentlich jedes Jahr zwei Wochen in Warnemünde.

Aber eines fehlte auf der Neuen Bahnhofstraße. Das war nämlich der ätzende Fischgestank, der den angetäuten Fischerkähnen entsprang und den die Urlauber aushalten mussten. Das war auch das Einzige. Sonst gab es keinen Unterschied zur Neuen Bahnhofstraße. Da lebe ich also mitten in einem Urlauberparadies, dachte ich.

Interviewer: „Tanja, da hast Du ja schon einen wichtigen Aspekt genannt, der für unsere Gegend kennzeichnend ist, nämlich der Tourismus.“

Tanja: „Jemand der schon seit Mitte der 80ziger in der Neuen Bahnhofstraße lebte, nahe dem Bahnhof Ostkreuz, erzählte mir, dass seine Freunde abends immer Angst hatten, ihn zu besuchen, weil ihnen die Gegend zu dunkel und zu abgeschieden war.

Heute ist diese Gegend, um die Neue Bahnhofstraße und die Sonntagsstraße, neben der Simon-Dach-Straße und der Revaler Straße, „die Partymeile“ in Friedrichshain und fehlt in keinem Stadtführer. Touristencafe reiht sich an Touristencafe.

Ich habe mal eine Weile in der Gubener Straße, in der Nähe der Warschauer Straße, gelebt, genauer gesagt von 1995 bis 2000  und wollte an einem heißen Sommerabend vor über 20 Jahren mal wieder in meine alte Gegend an der Neuen Bahnhofstraße am Bahnhof Ostkreuz. Als ich sah, wie sehr sich die Sonntagsstraße veränderte hatte, staunte ich Bauklötze.

Die ganze Straße hatte sich in ein einziges Cafe verwandelt. Alle Bürgersteige standen voll mit Tischen und Stühlen, an denen junge Menschen aus aller Herren Länder saßen und sich pudelwohl fühlten. Wer hätte gedacht, dass die Straßen hier, rund um das Ostkreuz, noch mal zum Treffpunkt für die Welt werden würden. Wobei ich mit Welt eigentlich die Jugend der Welt meine.

Einmal sah ich in einem Cafe einen weißhaarigen Mann sitzen. Man sah ihm, der ja erst in den Vierzigern war, an, dass er sich ziemlich fehl am Platze fühlte. Und so geht es mir auch.  Die ganzen Cafes haben eigentlich dasselbe Klientel, was auch in der Cafeteria der TU sitzt. Unsere Gegend ist zu einem Studentencampus geworden.

Als ich wegen Sanierung in der Gubener Straße, in die Weserstraße zog, war mir gar nicht klar, dass sich in den 5 Jahren, wo ich nicht am Ostkreuz gewohnt haben, die Bevölkerungsstruktur hier so dermaßen geändert hat. In mein frischsaniertes Haus zogen fast nur Studenten ein, und ich kam mir mit Ende 30 auf der Straße schon zu alt für die Gegend vor.

Es gab eigentlich auch keine Leute mittleren Alters und keine alten Leute mehr wie vorher. Wo sind sie alle bloß geblieben. An unserem Haus, wie gesagt frisch saniert und mit sehr billigen Mieten, waren am Klingelschild jede Woche neue Namen dran, was mich irgendwie beunruhigte. Eigentlich zogen in wenigen Jahren fast alle Nachbarn aus, auch die, die keine Studenten waren.

Es gibt hier aber einen festen Kern von vier oder fünf Leuten, der sich nach 21 Jahren noch gehalten hat. Wahrscheinlich scheuen wir die Kosten und Mühen eines Umzugs und haben uns eingewöhnt, während die Anderen alle zu neuen Ufern aufgebrochen sind. Mein Labsal inmitten von Verkehrschaos mit vielen Unfällen auf der Neuen Bahnhofstraße, Hundescheiße und Touristenschwemme ist aber der Kleine Park am Rummelsburger See.“

Interviewer: „Tanja erzähle mir mal mehr über den Rummelsburger See. Wie hast Du ihn entdeckt?“

Tanja: „Ich habe diese Oase mal zufällig vor zirka 25 Jahren entdeckt, als ich querfeldein mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren bin. Damals war die Gegend noch nicht so stark bebaut, in großen Teilen unberührte Natur pur und auch noch relativ einsam. In der Anfangszeit unserer Beziehung war ich dort oft mit meinem Freund unterwegs. Liebespaare fühlen sich wohl von Natur angezogen.

Jetzt wird am Rummelsburger See ja wohl jeder Fleck zugebaut, was mein Freund vor über 20 Jahren schon prophezeit hat. In den ersten Jahren gab es im Kleinen Park am Rummelsburger See auch noch keine Touristen, und man hatte dort seine Ruhe vor ihnen. Leider hat es der Rummelsburger See wohl auch schon in die gängigen Internetforen für Touris geschafft. Man hört dort manchmal gar kein Deutsch mehr, und der Rummelsburger See ist ein Touristenhighlight geworden wie der Lago Maggiore.

Dasselbe ist es merkwürdigerweise, wenn ich die Neue Bahnhofstraße links in Richtung Weserstraße hochgehe. Dort höre ich ebenfalls kaum mehr die Deutsche Sprache. Es ist nicht so einfach sich durch die internationale Jugendtruppe durchzukämpfen, die die Cafes belagert. Aber meist sind die Jugendlichen, die alle mehr so aus dem Studentenumfeld stammen, eigentlich ganz nett und höflich, und weichen einem aus, wenn man auf Englisch „Attention“ ruft.

Das ist keine Gegend zum alt werden. Man wird hier von Jugend regelrecht überspült, wenn man nur aus der Tür tritt. Da ist ein Dreißigjähriger ja eigentlich schon zu alt, um hier zu wohnen. Na ja, ich muss zugeben, ein bisschen Neid schwingt schon mit, wenn man sich ständig von Leuten in den neuesten Szeneklamotten, die vom Alter her schon fast deine Enkel sein könnten, umgeben sieht. Natürlich ist mir klar, dass ich selber mal so alt war, und dass die Jugendlichen auch ihre Probleme haben.“

Interviewer: „Tanja, Du kennst die Straße, in der ich erst seit ein paar Jahren lebe, nämlich die Sonntagsstraße, noch aus der Zeit vor der Wende und den Jahren kurz danach. Beschreibe mal, wie sich die Ladenstruktur der Sonntagsstraße mit den Jahren geändert hat.

Tanja: „Ich kann Dir ein paar Läden aufzählen, in denen ich früher eingekauft habe und die es jetzt nicht mehr gibt. Dann erklärt sich auch, warum ich „Steak au four im Keller“ unbedingt als Überschrift zu unserer Zeitzeugenbefragung haben wollte.

Das Restaurant „Aquarium“ in der Sonntagsstraße oder Appetit auf „Steak au four“

Wenn viele von meinen ehemaligen Landsleuten den Namen dieses Gerichts hören, läuft ihnen heute noch das Wasser im Munde zusammen. Was heißt eigentlich „Steak au four“. Das ist ja wohl Französisch, oder irre ich mich da? Hat hier jemand Französischkenntnisse? Die Wessis wissen bestimmt wieder nicht, was ein Steak au four eigentlich ist.

Man kann sich das als ein Steak vorstellen, dass mit einem Steak überbacken wurde, also eine Fleischoase. Obendrauf kam noch Käse. Genauer erklärt: Ein Steak wird gebraten, dann kommt Würzfleisch dazu und das ganz wird dann noch mit Käse knusprig überbacken.

Die Pommes dürfen natürlich nicht vergessen werden. Bei diesem Gaumengenuß konnten sich die DDR Bewohner von dem ewigen Lungenhaschee in den Werkskantinen erholen. Bei meiner momentanen Schlankheitskur darf ich mir ein Steak au four gar nicht vorstellen, sonst komme ich hier vom rechten Weg ab und laufe noch kurz vor Ladenschluß schnell zum Penny in der Boxhagener, der erst um Elf zumacht..

Und das Kellerrestaurant „Aquarium“ auf der rechten Seite der Sonntagsstraße, wenn man vom Bahnhof Ostkreuz kommt, war eines der wenigen Restaurants in Ostberlin, die Steak au four auf der Speisekarte führten. Bei uns herrschte ja ein latenter Mangel an magerem Fleisch. Schweinebauch gab es jede Menge.

Viele Gäste kamen von weit her extra deswegen in die Sonntagsstraße. Deshalb war es da zu DDR Zeiten und auch noch in der Nachwendezeit immer proppenvoll, und es war schwierig einen Platz zu ergattern. Das „Aquarium“ konnte sich aber auf Dauer in den neuen Zeiten nicht behaupten, Scaloppa funghi und Tagliatelle trugen den Sieg davon und das „Aquarium“ ist schon seit langem geschlossen

Ich will meine Kirschringe wieder!
Kannst Du Dich noch an den kleinen Bäcker erinnern, vom Bahnhof Ostkreuz aus gesehen, war er auf der linken Seite der Sonntagsstraße. Die Spezialität dieses Bäckers waren seine Kirschringe.

Das war ein Gebäck, das mit Schlagsahne und Kirschen gefüllt war. An den Verkaufsraum angeschlossen, war ein kleines Cafe.

Diesen Bäcker gab es schon zu DDR Zeiten und er konnte sich auch noch bis weit in die Nachwendezeit hinüberretten. Aber als ich vor ein paar Jahren mal Appetit auf Kirschringe hat, musste ich erkennen, dass es sich ausgekirschringt hatte und der Bäcker sich in Luft aufgelöst hatte.

Der Fleischerladen in der Sonntagsstraße
Das Fleischerhandwerk hatte zu DDR Zeiten goldenen Boden. Die Läden waren immer gut mit Kunden gefüllt, und die Verkäuferinnen hatten stramm zu tun. In jeder Straße gab es einen Fleischerladen. Das änderte sich mit der Wende. Zuerst investierten viele Fleischerläden noch in eine neue Ausstattung wie eine verglaste Fassade mit Automatiktüren, dann waren sie plötzlich alle verschwunden.

An einem Imbiss auf der Stralauer Halbinsel, der die Bauarbeiter dort versorgte, lernte ich den ehemaligen Fleischermeister aus der Gryphiusstraße, eine Straße, die ganz in unserer Nähe ist, kennen. Er erzählt mir, dass er seinen Laden aufgeben musste, weil es sich nicht mehr lohnte. Sein Imbiss auf Stralau lief aber ganz gut.

So erging es auch dem Fleischergeschäft auf der rechten Seite der Sonntagsstraße, vom Bahnhof Ostkreuz aus gesehen. Erst wurde viel Geld in die verglaste Automatiktür und in einen neuen Verkaufsraum investiert und dann lief es immer schlechter, und der Fleischer, der wohl zum Schluß nur noch alleine verkaufte, sah immer trauriger aus. Er versuchte es auch mit einem Fischgeschäft, aber das lief überhaupt nicht, und eines Tages war der Laden Geschichte.

Der Schuh- und der Bettwäscheladen
Ebenfalls Geschichte sind zwei Läden auf der linken Seite der Sonntagsstraße, gleich an der Ecke. Dort wo heute das Cafe Übereck ist, war früher ein Schuhladen und gleich daneben ein Bettwäscheladen.

Die beiden Läden gab es auch noch eine Zeit nach der Wende. Ich wollte mir Anfang der 90ziger in dem Schuhladen ein paar Schuhe kaufen und hatte mir auch schon welche ausgekuckt. Leider musste ich erfahren, dass sie meine Größe nicht hatten, was mich wunderte, da waren sie wohl schon in Schwierigkeiten.

Jedenfalls war kurz darauf der Laden geschlossen und der Bettwäscheladen, der wohl mit dazugehörte, auch.

Das Bücherantiquariat
Gleich nach der Wende hat auf der rechten Seite der Sonntagsstraße ein freundlicher, junger Westberliner Buchhändler ein Antiquariat aufgemacht. Wir hatten noch kein Westgeld, und man konnte dort für Ostgeld ganz billig Westbücher kaufen.

Ich versorge mich mit Kafka, Henry Miller und Herrmann Hesse, die in der DDR Bückware waren. Außerdem geriet ich an feministische Literatur, wie Simone de Beauvoire, von der in der DDR noch niemand was gehört hatte. Leider war diesem Laden nur eine sehr kurze Frist beschieden.

Die Bratwurstbude am Bahnhof Ostkreuz
Rechts neben dem Bahnhof Ostkreuz gab es schon seit Jahrzehnten eine Bratwurstbude, von der ich ein treuer Gast war. Der Herr in den Fünfzigern, dem die Bude gehörte, wurde immer mißmutiger. Wahrscheinlich lief das Geschäft mit den knusprigen Würsten in den Nachwendejahren immer schlechter. Der Konkurrenz durch die Dönnerläden konnte er nicht standhalten.

Eines Tages war die Bude ganz weg und ich hörte, dass der Betreiber gestorben war. Mir fehlen die Bratwürste. Ich mag keinen Döner. Ich habe davon schon mehrmals allergische Reaktionen davon gehabt. Letztens habe ich mich mal wieder getraut und hatte prompt einen Flotten Otto.

Der Getränkeladen
„Sag mal, weißt Du ob es den Getränkeladen auf der linken Seite der Sonntagsstraße, vom Bahnhof Ostkreuz aus gesehen, eigentlich noch gibt?“

Interviewer: „Ich weiß nicht, welchen Laden Du meinst.“

Tanja: „Ich war dort alles andere als ein Stammkunde, aber ich habe mal ein sehr interessantes Feature im Radio über diesen Laden gehört. Diese Features kommen immer sonntags um 14 Uhr auf Radio Kultur und dauern eine Stunde. Die Journalisten haben meist ein glückliches Händchen damit, die Leute zum Reden zu bringen.

Diesmal hatten die Reporter in meiner unmittelbaren Umgebung recherchiert, nämlich dem Getränkeladen in der Sonntagsstraße. Die Ladeninhaberin erwies sich als sehr aufgeschlossen und erzählte freimütig von den Schwierigkeiten, den Laden zu halten. Nach diesem Feature gab es den Getränkemarkt noch einige Jahre.

Dann musste sie wohl doch aufgeben.

Der Nachfolger, ein freundlicher, langhaariger Szenetyp, der den Laden aber nicht lange hatte, erzählte mir, dass seine Vorgängerin sogar im Geschäft schlafen musste, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten konnte. Sie konnte von dem, erst etwas später einsetzenden, Tourismusboom in der Sonntagsstraße, noch nicht profitieren.“

Interviewer: „Meinst Du nicht auch Tanja, dass Du die positiven Veränderungen in unserer Gegend zu wenig erwähnt hast. Was ist mit Deiner Wohnung?

Tanja: „Über meine Wohnung konnte ich 20 Jahre nur Lobendes sagen. Als ich die Wohnung das erste Mal sah, das Haus war gerade frisch saniert worden, konnte als Ossi nur staunen. Es gab ein gekacheltes Bad und abgezogene Dielen. Die Spüle war aus Edelstahl und es gab warmes und kaltes Wasser aus der Wand. Das Highlight war aber die Dusche.

Ich hatte in den Wohnungen, in denen ich bisher gewohnt hatte, weder Dusche noch Badewanne gehabt, so dass ich erstmal überhaupt nicht mehr aus der Dusche rauskam. Auch hatte ich das erste Mal Fernheizung. Früher in den Wohnungen mit Ofenheizung war ich immer zu faul zum Heizen gewesen und habe mir mit Jacken und dicken Schafwollsocken durch den Winter geholfen.

Mir hat das nichts ausgemacht, früher, bei uns zu Hause, hatte meine Mutter auch immer nur ein Zimmer beheizt, aber Besucher bzw. Übernachtungsgäste erlitten erstmal einen Kulturschock.

Außerdem hatte ich in diesem Haus zum ersten Mal Telefon. Ich hätte auch schon in meiner alten Wohnung, in der Gubener Straße, die Möglichkeit gehabt, mir einen Telefonanschluss zuzulegen, aber dafür war ich zu geizig.

Als DDR Bürger bin ich von Kindheit an daran gewöhnt worden, nicht zu telefonieren. Und ich telefoniere heute noch nicht allzu gerne.

Interviewer: „Tanja, erzähle mal, wie Du überhaupt zu Deiner Wohnung in der Weserstraße gekommen bist.

Tanja: „Das Haus in der Gubener Straße, in dem ich 5 Jahre lang gewohnt hatte, gehörte erst der Kommunalen Wohnungsverwaltung und wechselte danach alle paar Monate den Besitzer.

Der neueste Besitzer wollte sanieren und dafür alle Bewohner raushaben. Nach ein paar Monaten stellte ich fest, dass ich fast nur noch allein in dem Haus wohnte, das vorher voll belegt war. Mir war klar, dass ich mich endlich kümmern musste.

Über die Asum, wurde mir, als Sanierungsfall, eine neue Wohnung angeboten, und ich nahm die erste beste. Das Milenium verlebte ich noch in der Gubener Straße, ganz allein im Haus. Anfang Februar sollte der Umzug erfolgen.

Kurz vorher gab es in dem Haus, indem ja alle Wohnungen leer standen, noch einen Rohrbruch. Ich lief zur Telefonzelle am Park und rief die Feuerwehr. Sie kamen auch mitten in der Nacht und fragten mich ernsthaft, ob ich wüsste, wo der Wasserabsperrhahn im Keller war. Leider konnte ich ihnen darüber keine Auskunft geben. Da hatte ich also die letzten Tage auch keine Klospülung mehr. Den Umzug bezahlte der Hausbesitzer, der in meiner Wohnung die Wände durchbrechen wollte und Eigentumswohnungen daraus machen wollte. Aber gerade mit dem Geld gab es Probleme.

Interviewer: „Das interessiert mich aber jetzt Tanja. Könntest Du da bitte näher drauf eingehen.

Tanja: „Als ich in meine neue Wohnung in der Weserstraße einzog, bezahlte ich die Möbelpacker erst mal bar und war danach völlig pleite, weil ich mir einbildete, dass mein alter Hausbesitzer mir in den nächsten Tagen das Geld für den Umzug, eine pauschale Summe, überweisen würde.

Jeden Tag lief ich hoffnungsfroh zum Geldautomaten aber vergeblich. Ich rief bei meiner alten Wohnungsfirma an und erfuhr, dass das noch mindestens zwei Monate dauern konnte.

Zum Glück war ich zusammen mit einer großen blauen Tüte mit leeren Flaschen umgezogen, die sich bei mir so angesammelt hatten. Das sicherte erstmal den Lebensunterhalt. Ich bekniete am Telefon meine Mutter, für mich die erste Miete an meinen neuen Hausbesitzer zu überweisen.

Ich entdeckte im Rewemarkt gleich gegenüber in der Neuen Bahnhofstraße den Kohl und kleine Gläser mit Würstchen, die nur 99 Pfennig (war noch zu DM Zeiten) kosteten. Außerdem stellte ich fest, dass man auch mit Marmeladenstullen eine Weile über die Runden kommt. Naja, wenigstens wurde ich schlanker.

Gerade in dieser Zeit vor 21 Jahren lief in TVB, das ich heute schon lange nicht mehr empfangen kann, eine Art Vorläufer von Big Brother. Mit einer Marmeladenstulle in der Hand saß ich jeden Tag gespannt vor dem Fernseher.  

Junge Leute, so um die Zwanzig, also über zehn Jahre jünger als ich damals, die sich aber vorher nicht kannten, lebten für eine kurze Zeit in einer TV Kommune zusammen und ließen sich dabei filmen. Sie konnten aber die WG verlassen und wiederkommen, wie es ihnen beliebt und ihren Aktivitäten nachgehen. Eigentlich beneidete ich sie um ihre Gemeinschaft in der geräumigen WG, wo in der großen Küche interessante Aufläufe geschmort wurden, während ich hier, pleite und allein, mit einer Marmeladenstulle in der Hand, vor dem Fernseher saß und jeden Tag vergeblich zum Geldautomaten lief, aber sie selbst sahen das völlig anders.

Ich staunte, was sich dort von Folge zu Folge für Animositäten zwischen den Leuten hochschaukelten. Anstatt sich zu helfen und zusammenzuhalten, war Jeder dem Andern sein Deuwel. Schon nach ein paar Tagen konnten sich viele grundlos nicht leiden. Besonders der Hass eines Studenten auf das hübscheste Mädchen aus dieser Kommune, das als Kellnerin arbeitete, erstaunte mich.

Ständig versuchte er ihr, das Leben schwer zu machen und sie bei den Anderen in Mißkredit zu bringen. Das WG Projekt kann man wohl als gescheitert betrachten, die meisten entpuppten sich als Totalegoisten. Ich verstand nicht, warum sie die Chance nicht nutzten, die sich ihnen bot. Die meisten haben sich wohl nach Drehende nie mehr wiedergetroffen. Bald interessierten mich die Probleme dieser Leute mehr als meine eigenen.

Zum Glück traf die Umzugserstattung von der alten Hausverwaltung doch früher als erwartet ein, und ich deckte mich im Rewemarkt, der nur ein paar Schritte weit weg war, mit Delikatessen ein und ließ den Kohl Kohl sein, würdigte die Tüten mir 1Kilo Bruchreis keines Blickes und ließ auch die 99 Pfennig Würstchen im Glas links liegen. Leider ging auch der Rewemarkt in der Neuen Bahnhofstraße, von dem ich ein treuer Kunde war, den Weg alles Irdischen. Vor ein paar Jahren schloss  er kurz nach Weihnachten. Die Verkäuferinnen erzählten, dass einfach zu wenig Kunden kamen, seit Lidl in der Boxhagener Straße, gar nicht weit entfernt vom Rewe, eröffnet hatte.

Außerdem erhielt ich bald einen neuen Job, über den ich zuerst gar nicht begeistert war, der sich dann aber als Traumjob entpuppte. Es handelte sich um eine ABM – Stelle im Kiezcafe in der Wühlischstraße, wo ich meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Kochen, nachgehen konnte.

Interviewer: „Das interessiert mich jetzt. Das musst Du mir näher erläutern.“

Tanja: „Ich kannte vorher obdachlose Menschen nur vom Sehen. Jetzt war ich den ganzen Tag damit konfrontiert. Aber ich freundete mich rasch an und ging sehr gerne zur Arbeit. Ich muss aber sagen, es war der stressigste Job, den ich je hatte, aber auch der, der am meisten Spaß machte.

Das Merkwürdige war, dass ich dort für meine Verhältnisse sehr gut verdiente und das unter all den Leuten, die oft kein Einkommen hatten und haufenweise Schulden. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen deswegen, obwohl ich stramm zu tun hatte mit Kochen und Abwasch.

Selbst unser Chef, der ja den ganzen Tag da war, auch am Wochenende, hatte nur Sozialhilfe. Ich hatte in der Küche so viel zu tun, dass ich Ratsuchenden gar nicht mein Ohr leihen konnte. Und außerdem war ich die Letzte, die es nötig hatte, Anderen gute Ratschläge zu erteilen. Leider war alles nur befristet auf ein Jahr.

Danach wollte ich unbedingt eine Umschulung machen. Als ich gerade mal wieder die Anzeigen im Wochenblatt überflog, fiel mir die Anzeige von einer Berufsschule auf. Ich stutze: „Neue Bahnhofstraße“ das kennst du doch von irgendwoher.“

Ich war damals so verdattert, dass ich gar nicht checkte, dass es die Neue Bahnhofstraße hier am Ostkreuz gemeint war. Die Schule war tatsächlich nur ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt, worum mich später alle in meiner Klasse beneideten. Einige kamen sogar jeden Tag aus Frankfurt.

Ein Hindernis hätte auch noch sein können, dass im Zeitungsinserat stand, dass das Alter für diese Umschulung auf 35 Jahre begrenzt war. Aber Niemand fragte mich danach, und so gab es bald eine zukünftige Rechtsanwalts- und  Notariatsfachangestellte mehr in Berlin.

Interviewer: „Tanja, ich danke Dir für Deine Auskunftsfreudigkeit.  Aber eine Sache interessiert mich noch. Du sagtest vorher, dass Du 20 Jahre über Deine Wohnung nur Lobendes sagen konntest. Und warum gefällt es Dir in Deiner Wohnung jetzt nicht mehr?“

Tanja: „Der Grund dafür ist, dass auf einer Brachfläche, vor meinem Haus, jetzt Wohnblöcke gebaut wurden, das nennt sich Freudenbergareal und ich deshalb den Himmel nicht mehr sehen kann bzw. nur noch ein winzig kleines Stückchen davon.

Ich sitze praktisch in einer Dunkelkammer und habe fast keine Sonne. Mein Nachbar von gegenüber behauptet, dass es bei ihm sogar noch dunkler ist als bei mir.

Der Mangel an Tageslicht schlägt aufs Gemüt.

Ich hatte mal einen Kumpel, der in der Neuen Bahnhofstraße im zweiten Hinterhof gewohnt hat. Er hat mir immer leidgetan wegen seiner dunklen Wohnung. Und jetzt ist es bei mir eher noch dunkler als bei ihm damals.“

Interviewer: „Tanja ich danke Dir für das Gespräch.“

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja