Wir schreiben Mitte November 2020. Die Coronafallzahlen steigen und steigen, weshalb schon wieder Lockdown ist. Kino, Disko und Konzerte sind verboten worden. Es dürfen sich wohl nur noch drei Leute in der Öffentlichkeit treffen. Deshalb möchte ich an Zeiten erinnern, wo das kein Thema war.

„Du bist schön, auch wenn Du weinst.“

Dieses Lied, welches ja eigentlich das genialste von allen ist, singt Maria, das Mädchen aus dem Problembezirk Kreuzberg, in der Verfilmung von dem Musical „Linie 1“, die meine Freundin Biene und ich im Frühjahr 1989 begeistert im Kino Kosmos an der Frankfurter Allee in Friedrichshain sahen. Keiner konnte sich damals vorstellen, dass Friedrichshain 12 Jahre später mit Kreuzberg vereinigt wird. Hier sahen wir das erstemal, wie es in Kreuzberg so aussah und hätten nie gedacht, dass wir uns nur ein paar Monate später, am 10. November 1989, dem Tag nach dem Mauerfall, in eben diesem Kreuzberg, am Schlesischen Tor, unweit vom Grenzübergang an der Oberbaumbrücke, zufällig begegnen würden und ich Biene, die die Arbeit geschwänzt hat, helfe, den Kinderwagen, in dem ihr jüngster Sohn liegt, die Treppe zu der U- Bahnlinie 1 hochzutragen, die ja auf diesem Streckenabschnitt eigentlich eine Hochbahn ist. Kreuzberg war eigentlich genauso wie in „Linie 1“: die Punks, die Alkoholiker an den Imbissen, die Freaks. Ich habe mir diesen Film jetzt noch einmal angeschaut, und heute nach über 30 Jahren ist er mir zu sentimental. Aber damals waren wir hin und weg auch wegen der Musik.

Eigentlich war Biene früher immer die Verrücktere von uns beiden, wobei ich aber mit den Jahren aufgeholt habe. Ich werde nie vergessen, wie wir an einem knallheißen Hochsommertag mit dem stickigen 30 ziger Bus, der vor unserem Wohnheim in der Storkower Straße abfuhr, durch ganz Berlin gondeln mussten, weil meine Freundin unbedingt eine Schar Meerschweinchen und Kaninchen für unser Zimmer im Studentenwohnheim erwerben wollte, eine Idee, die mir gar nicht gefiel, von der sie sich aber nicht abbringen ließ. Zum Glück fanden wir keine offene Tierhandlung.

Vor einigen Jahren lief ich ihr hier am Ostkreuz mal zufällig in die Arme. Biene freute sich sehr, ich glaube, wenn sie mich trifft, wird sie wieder 19, und ich wurde prompt zu ihrem Geburtstag am selben Abend in die Lichtenberger Parkaue eingeladen.

Ich brauchte an dem Abend in dem großen Park nicht lange zu suchen, da sah ich die gar nicht mal so kleine Gesellschaft, so zirka 15 Leute, schon auf einem der gepflasterten Grillplätze, etwas oberhalb von dem Teich, sitzen.

Ich saß zusammen mit dem sozialen Netzwerk von Biene, das sich in den Jahren in Berlin so angesammelt hatte, bestehend aus dem Freund, den Söhnen, Schwiegertöchtern, Nachbarn, Arbeitkollegen usw., an einem Tisch. 

Jemand spielt im nächtlichen Park auf der Gitarre und eine Stimme singt  

...This summer I hear the drumming, Four dead in Ohio,.Gotta get down to it, Soldiers are cutting us down...“  Die Melodie kommt mir bekannt vor. Das ist „Ohio“* von Crosby, Stills, Nash and Young.

So rein vom Gefühl her hatte ich diesen Song immer für ein Liebeslied gehalten, denn mit Englisch sah es bei mir bescheiden aus wie bei vielen DDR Bürgern, bis ich vor einigen Jahren mal einen Film über die Geschichte dahinter gesehen habe. Auch der Student, der durch seine Schußverletzungen seit damals auf den Rollstuhl angewiesen ist, war mit dabei.

Ich kenne die Gitarristin sehr gut. Anfang der 80ziger Jahre haben Biene und ich einige Jahre zusammen im Studentenwohnheim in der Storkower Straße gewohnt. Ich sehe sie noch, wie sie mit Wandergitarre und Metronom dasitzt und stundenlang angestrengt Griffe übt. Nur mit Hilfe einer Schallplatte hat sie sich selbst mit eisernem Willen das Gitarrenspiel beigebracht. Leider stand der musikalisch begabten Biene der Weg in eine Band oder so etwas nicht offen. Dafür kannten wir viel zu wenig Leute. Um Musiker zu werden, braucht man eine Kumpelbase von musikverrückten Freaks.

Meine Freundin Biene, die jetzt, 2008, in der Richard Sorge Straße wohnt, gleich um die Ecke vom Kino, sagt, dass sie traurig darüber ist, dass das Kosmos 2005 den Filmbetrieb eingestellt hat. Wir zwei waren während unser gemeinsamen Studentenzeit in den 80zigern oft zusammen hier.

In dem Jahr, in dem wir beide angefangen haben zu studieren, sahen Biene und ich im Kino Kosmos in der Frankfurter Allee den Film „The Rose“, der an das Leben von Janis Joplin angelehnt ist. Zum Glück hat wenigstens Janis für uns Frauen die Kartoffeln aus dem Feuer geholt und ist nicht bloß nur wieder eine von den Frauen geworden ist, die vor der Bühne stehen und die Musiker anhimmeln. Meine Lieblingsszene aus dem Film „The Rose“, ist die Stelle, wo sie dem bekannten Musiker begegnen soll und der sie einfach rauswirft: so nach dem Motto „Was willst Du überkandidelte Schlampe hier?“. Er hatte sich gemütlich eingerichtet in seiner Männerdomäne Musik. Es soll sich dabei um eine wahre Begebenheit handeln.

Das war die Zeit in den 60zigern als langhaarige Studenten dem spießigen Country und Folk neues Leben einhauchten, auch wenn das in manchem Truckstop nicht so gut ankam. Ich denke da an die Szene in „The Rose“, wo Lynchstimmung in der Luft liegt als die Trucker die Musiker verprügeln wollten.

Wenn ich mir den Film aus meiner heutigen Sicht so ansehe, fällt mir auf, dass die Filmemacher mal eine von den wenigen Frauen gezeigt haben, die in der Musikszene was gerissen gekriegt haben, und sie lassen sie scheitern. Ich weiß, dass Janis Joplin mit 27 Jahren an einer Überdosis verstorben ist, aber vorher hat sie Musik gemacht, die vielen Menschen, auch welchen, die damals noch gar nicht geboren waren, sehr viel bedeutet. Soll das etwa eine Warnung an begabte Mädchen sein, es gar nicht erst zu versuchen?  

Im Kino Kosmos lief auch der Antikriegsfilm „Coming home“ vom Regisseur Hal Ashby, der sich nach der Hippiestraße Haight Ashbury in San Francisco benannt hatte, was ich übrigens aus dem „Filmspiegel“ erfuhr. In den Liebesszenen, besonders in der einen, ich glaube alle wissen, welche ich meine, spielen meine Lieblingsschauspielerin Jane Fonda und Jon Voigth, der in dem Film einen aus dem Vietnamkrieg heimgekehrten Rollstuhlfahrer verkörpert, so, als wären sie wirklich zusammen, und wir erlebten die echte Liebe wenigstens mal im Kino, auch wenn wir beide schon Erfahrungen hatten oder wie man das nennt.

Ein hübscher Junge, mit langen blonden Haaren, der im Rollstuhl sitzt, rollt sich mit seinem Rollstuhl nach vorn in den Gang nah an die Leinwand. Wie er da so stand, umgab ihn eine stolze Einsamkeit. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als ich eines Morgens mal von unserem Balkon im 11. Stock des Studentenwohnheims auf die Storkower Straße herabblicke, sehe ich ihn wieder. Er ist gerade an einer Bordsteinkante mit seinem Rollstuhl umgekippt und liegt auf dem Bürgersteig und, der Rollstuhl liegt neben ihm.

 Ich laufe die 11 Stockwerke herunter und renne um das Gebäude herum nach vorne zur Storkower Straße. Als ich an die Stelle komme, wo er hingefallen ist, ist er schon wieder weg.

Auch der Musikfilm „The Last Waltz“ über ein Konzert mit „The Band“ kam in dieser Zeit in das Berliner Kino Kosmos. Eigentlich war mir alles zu brav und die amerikanische Folkmusik war auch nicht so völlig mein Ding. Wir sahen, wie die Musiker sich selber feierten. Vorher war mir noch gar nicht so aufgefallen, dass die Musikszene eine reine Männergesellschaft ist. Eine Alibifrau war wohl auch mit auf der Bühne. Ich weiß aber nicht, ob es der Punk da anders gemacht hat, der 1976, in dem Jahr als das Konzert war, schon heftig an die Tür geklopft hat.

„Der Tag als Tony Cramer starb“, entpuppte sich im Orginal als ein Song von „The Band“. Gerade mit ihm verbinden sich für mich eigenartige Erinnerungen. Als ich mit 16 während meiner Lehrzeit in Stralsund Fahrschule machen musste, gingen wir mit unserem Fahrlehrer immer in eine abgerockte Kneipe zum Mittagessen. Das Essen schmeckte genauso abgerockt. Es gab die fadesten Kohlrouladen von der Welt. Das Personal lief mit einem Gesicht rum, als hätte man ihnen gerade ihr Todesurteil verlesen. Sie kriegten da absolut gar nichts hin, nicht mal eine Boulette konnten sie braten. Als wenn das nicht reicht, lief dazu noch jeden Mittag eine schreckliche Musik. Jedesmal die gleiche Kassette. Wenn sie zuende war, wurde sie zurückgespult, und das Elend fing von vorne an. Ich fragte mich damals, wie ein ätzend sentimentaler Song wie „Tony Kramer“ zu seiner genialen Melodie gekommen ist. Wenn man sich den Text wegdachte, konnte man ihn direkt akzeptieren. Da wußte ich noch nicht das das nur ein Cover war und das Orginal ein Song über den Südstaatengeneral Robert E. Lee von der amerikanischen Folkgruppe „The Band“.

„Der Meister“, der gerade in einer schöpferischen Krise steckte und der eine Weile in den 70 zigern mit seiner brüchigen Stimme Songs von einer so genialen Einfachheit sang, dass man damit Steine schmelzen konnte, war auch mit bei bei diesem Konzert. Er konnte das Leben, das Sterben und den Geruch von grünen Wiesen in Klänge fassen. Damals hatte er wohl noch gedacht, er kann die Welt mit Musik besser machen. Mister Neil Young, denn ihn meine ich, dessen windschiefe Körperhaltung von einer Kinderlähmung herrühren soll, mit seiner zerzausten Mähne und dem Shellparka, den die amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg und auch die Langhaarigen im Osten anhatten, sah aus wie ein verzauberter Lumpenprinz, wie ich auf meinem Kinosessel sehnsüchtig registrierte.

Biene und ich gehen beide gestiefelt und gespornt im Winter 85 ins Kino Kosmos um uns ein Werk der filmischen Hochkultur vom Kultregisseur Ingmar Bergmann reinzuziehen. Es ist von „Fanny und Alexander die Rede“. Damals war ich gar nicht begeistert, aber merkwürdigerweise hat dieser ellenlange Film mit den Jahren bei mir gewonnen und gehört heute zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Er bietet sich besonders an, ihn zu Weihnachten zu sehen, da im ersten Teil ein richtiges großbürgerliches Weihnachtsfest gezeigt wird, fast wie „Weihnachten bei den Buddenbrooks“, ein berühmte Stelle aus dem Klassiker von Thomas Mann.

„Fame, der Weg zum Ruhm“ war ein Film, der Jedem klarmachte, dass er unbedingt auf die Bühne muss. Auch Leute, die weder singen, noch tanzen, noch irgendetwas konnten, entdeckten plötzlich Ambitionen in sich. Bei diesem Film bildeten sich vor dem Kino Kosmos lange Schlangen, und er war wochenlang ausverkauft. Ein Junge hinter mir in der Schlange erzählte, dass er sich den Film schon zum achten Mal ansah. Eine Freundin von mir wurde so euphorisiert, dass sie sich gleich an der Schauspielschule bewarb. Wie kommt es bloß, dass die jungen Schauspieler aus dem Film keine Filmstars geworden sind, bei dem riesengroßen Erfolg, den der Film hatte?

Die Parkaue Lichtenberg ist mir besonders gut vertraut, weil dort noch bis vor kurzem jedes Jahr „Rock für Links“ war. Daran beteiligt waren auch jahrelang die Söhne meiner Freundin, die, im Gegensatz zu Biene und mir, waschechte Berliner sind. Ich habe dort sogar noch Aljoscha von Feeling B mit seiner neuen Bandbesetzung spielen hören.

Im Kino Kosmos haben wir auch den Dokumentarfilm „flüstern & schreien“ aus dem Jahre 1988 gesehen. Das ist ein Film über die Musikszene in der DDR. Keiner konnte fassen, dass ein so ehrlicher Film die Zensur passiert hat. Die Wende lag wohl schon in der Luft. Durch diesen Film bin ich auf Aljoscha Rompe, den Sänger von Feeling B aufmerksam geworden. Er steht hier in seinem umgebauten Armeelaster und rührt fröhlich in der Suppe. Der freche Aljoscha hat kurzerhand den Film gekapert und zu seinem gemacht, was auch das beste war, was dem Film passieren konnte. Im zweiten Teil von „flüstern & schreien“ von 1994, der nach der Wende spielt, wirkte er auf mich schon längst nicht mehr so optimistisch. Es kam mir so vor, als wenn er überspielte, dass es ihm tief im Innersten ziemlich schlecht ging. Leider ist er 2000 viel zu früh verstorben.

Ich weiß noch, einmal nachts, als ich mit Biene gerade aus dem Kino gekommen bin, lief hier auf der Frankfurter ein dicker Junge vor uns, der wie besessen auf der Mundharmonika spielt. Wir vermuten Liebeskummer. Wir gehen noch eine ganze Weile in einigem Abstand hinter ihm her durch die nächtlichen Straßen, die wie ausgestorben daliegen und hören ihm zu. Er spielt nicht untalentiert. Mensch, das ist ja die Messe hier in Berlin, hier spielten die Leute nachts auf der Straße Blues. Da, wo wir herkamen, gab es sowas nicht.

2005 wurde der Filmbetrieb im Kino Kosmos in der Frankfurter Allee eingestellt.

 


* Ohio, Song den Neil Young aus Anlass der Erschießung von vier Studenten bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg auf dem Campus der Kent/State/Ohio am 4. Mai 1970 geschrieben hat

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja