Für die Hausfrau geht es darum, sich die beste Ware zum niedrigsten Preis zu verschaffen. Die extreme Bedeutung, die sie der geringsten Einsparung beimisst, lässt sich nicht allein mit der Sorge erklären, ihr knappes Budget zu strecken. Sie will auch eine Partie gewinnen. Während sie argwöhnisch die Auslagen studiert, ist die Hausfrau Königin. Die Welt liegt ihr mit allen Reichtümern und Fallen zu Füßen, damit sie Beute machen kann. Sie feiert einen flüchtigen Triumpf, wenn sie das Einkaufsnetz auf den Tisch entleert. Die Konserven, die unverderblichen Nahrungsmittel, die ihr Sicherheit gegen die Zukunft bieten, kommen in den Vorratsschrank. Und mit Genugtuung betrachtet sie das Fleisch und das frische Gemüse, das sie ihrer Macht unterwerfen wird.

Simone de Beauvoir aus "Das andere Geschlecht – Sitte und Sexus der Frau"

Aldi Berlin Rummelsburger Straße 16
15.10.2019 20:30 Uhr

Mehrweg - Tragetasche
„Die DDR-Bürger kamen mit Dauerwelle, Stonewashedjeans und Perlon-Beuteln über die Grenze.“, so hieß es mal ironisch in einem Artikel, den ich kurz nach der Wende gelesen habe. Die Kritik an Dauerwelle und Stonewashedjeans lasse ich ja noch gelten, aber nicht die an den Perlon-Beuteln. Das war ein unverwüstliches Qualitätsprodukt, das trotz täglichem Einsatz Jahrzehnte durchhielt. Man konnte sie ganz klein zusammenknüllen, sie passten in jedes Täschchen und waren leicht waschbar. Ich habe noch nie erlebt, dass einmal eine Naht gerissen ist. Jetzt, nach dem Verbot der Plastiktüte erobern die Perlon-Beutel wieder ganz Deutschland.

Lüb. Edelsortiment
Meine Mutter hob mit beiden Händen das riesige Marzipanbrot behutsam aus dem Westpaket und murmelte ehrfürchtig: „Das echte Lübecker“. Da hatte sich ihre Freundin aus Hamburg mal wieder nicht lumpen lassen. Natürlich konnten wir es nicht lange aushalten und aßen es auf der Stelle auf. Bei jedem Bissen versicherten wir uns gegenseitig, noch niemals so etwas Gutes gegessen zu haben. Dieses sagenhafte Lübecker Marzipan, das aus einer verwunschenen Stadt im westlichen Teil von Norddeutschland zu kommen schien, war meiner Mutter aus ihrer Kindheit noch ein Begriff, aber ich hatte da keine Idee.

Ungarische Salami
Ein sozialistischer Bruderstaat, der sich schuftig benommen hat. Und zwar hat er seine berühmte Ungarische Salami gegen harte Währung an den Klassenfeind geliefert, und wir in den sozialistischen Bruderländern konnten sehen, wo wir bleiben. Ich würde noch gar nicht mal meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es in Ungarn selber diese Salami, in der angeblich Esel drin ist, einfach so zu kaufen gab.

Damenbinden
Die Frauenbewegung und besonders „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche haben es möglich gemacht, dass man über dieses Tabuthema reden kann. Ein großes Lob für die Hygieneartikelindustrie der alten Bundesländer. Ein Problem für die Frauen in der DDR war nämlich, dass die Damenbinden früher nicht geklebt haben. Sie machten sich gerne selbstständig, und man konnte oftmals den Supergau, nämlich ein Hinausgleiten aus dem Hosenbein gerade noch in letzter Minute verhindern. Seit der politischen Wende hat sich dieses Problem erledigt.

Brockensplitter aus Wernigerode
Bei Phönix haben sie letztens einen Bericht über die Rettung der Nougatstange (Viba) gebracht. Ein Unternehmer aus dem Westen, der die Süßwarenfabrik abwickeln sollte, hat sich stattdessen für ihren Erhalt eingesetzt und sogar mit seinem eigenen Vermögen gebürgt. Damit wurden wohl etliche Schmalkaldener vom Abgleiten in den Alkoholismus bewahrt. Wenn ich früher als Kind in eine Nougatstange gebissen habe, wusste ich wie das Paradies sich anfühlt. Eine ähnliche Geschichte ist es wohl mit meinen geliebten Brockensplittern. Früher zu DDR-Zeiten war das Mangelware genauso wie die Nougatstangen, die man nur selten zu Gesicht bekam. Zum Glück scheint es der Wernigeroder Schokoladenfabrik irgendwie gelungen zu sein zu überleben und sogar ihre Produktion wesentlich zu vergrößern. Das nehme ich an, weil es diese Produkte jetzt überall gibt.

Kartoffeln
hatten wir jede Menge und auch ganz billig.

Eier
gab es nicht in der stoßsicheren Pappe, sondern in Papiertüten, sodass ich als Kind so manches Mal Senge gekriegt habe, wenn ich vom Einkaufen im Konsum mit zerbrochenen Eiern zurückgekommen bin.

Äpfel, grün, lose
Obwohl wir ganz Westberlin mit Äpfeln versorgt haben, blieben trotzdem noch genug für uns übrig. Der Apfel war zusammen mit dem Kohl das Standbein unserer Vitaminversorgung und immer und überall in großen Mengen verfügbar. Ich bin bis 1989 so mit Äpfeln genervt worden, dass ich sie heute fast nicht mehr sehen kann. Ein Freund aus Spanien wundert sich immer, dass ich keine Äpfel esse. Er kennt aber auch nicht unsere Gemüseläden, wo es außer Kohl, Zwiebeln und Kartoffeln, nur Äpfel, Apfelsaft und Apfelmus gab. Wenn meine Mutter früher einen Kuchen gebacken hat, dann war es aus der Not heraus natürlich Apfelkuchen, wenn man Saft im Restaurant trinken wollte, gab es bloß Apfelsaft, wenn ich als Kind krank war, bekam ich ein Glas mit eingelegten Äpfeln geschenkt usw...

Zwiebeln
Da gab es keinen Versorgungsengpass.

Zeitungen / Zeitschriften
Man ist der Spiegel teuer geworden. Aber noch teurer wäre er dem zu stehen gekommen, der ihn aus dem Westen in den Osten mitbrachte und dabei erwischt wurde. Der wäre ja gleich für drei Jahre im gelben Elend in Bautzen verschwunden. Das ist natürlich übertrieben, aber einige Verhöre bei der Staatssicherheit wären ihm sicher gewesen. Ich weiß noch, als ich 13 war, hat meine Cousine mir mal heimlich in einer Spiegelausgabe, die ihr Vater sich verbotenerweise von einem Arbeitskollegen besorgt hatte, ein Bild von Elvis gezeigt. Daher kannte ich den Spiegel, den ich mir deshalb für unser erstes Westgeld gleich kaufte. Übrigens nach der Wende konnte man die ehemaligen Ostzeitungen und Zeitschriften, die vorher bloß eine einzige Lobhudelei für die Partei waren, direkt lesen. Ich habe mir aber gedacht, dass das nicht lange anhalten wird. Die Chefredakteurin der DDR-Frauenzeitschrift „Für Dich“ (eine Zeitschrift in der Simone de Beauvoir aber nie erwähnt wurde), die meine Mutter abonniert hatte, sagte mal, dass ihre Redaktion nach dem Mauerfall ein ganzes Jahr Pressefreiheit genoss und schreiben konnte, was sie wollte. Wenn ich in der Heimat zu Besuch war und die älteren „Für Dich“s meiner Mutter durchblätterte staunte ich über den neuen Geist, der in der Redaktion herrschte. Sie waren echt in Psychiatrien gegangen und haben Reportagen über Frauen mit Problemen gemacht. Vorher sind da immer bloß sozialistische Vorzeigefrauen vorgestellt worden, die alleinstehend mit 7 Kindern im Dreischichtsystem als Kranführerin gearbeitet haben und nach Feierabend noch ein Fernstudium gemacht haben.

Grand Dessert Vanille
So etwas Gutes wie Fertigpudding hatten wir früher nicht. Da musste man sich schon mit Topf, Schneebesen und Puddingpulver bewaffnet selbst an den Herd stellen. So hielt die Faulheit den Appetit auf Pudding in Grenzen und die Taille schlank.

Milsani H – Milch 1,5%
Der Geschmack von H-Milch erinnert mich immer an lange D-Zugfahrten in gemütlichen, abdunkelten Abteilen, wo man mit Freunden saß und draußen in der Dunkelheit die Welt an einem vorbeirauschte. Das liegt daran, dass früher H-Milch nur in den Mitropa-Abteilen der D-Züge verkauft wurde, in tetraedrischen Packungen. Deshalb deckte man sich bei D-Zugfahrten damit ein. So im normalen Einzelhandel gab es eigentlich keine H-Milch. Übrigens in der DDR wurde fast die gesamte Milch in Halbliterpfandflaschen verkauft, sogar die Kaffeesahne gab es nur in Pfandflaschen. In Berlin lernte ich das erste Mal Milchtüten kennen, die es leider an sich hatten, öfter umzufallen.

Bio Weizenmehl
Nie wäre es mir früher in den Sinn gekommen, dass es Leute gibt, die so verrückt sind, sich ihr Brot selber zu backen, so wie ich es jetzt vorhabe. Es war im Urlaub in Ungarn, als westdeutsche Studenten mir erzählten, dass sie einen ökobewußten Kommilitonen haben, der dem gekauften Brot nicht traut und sich im „Studentenwohnheim“ sein Brot selbst backt. Wir haben alle den Kopf geschüttelt über so viel Verrücktheit. Und jetzt bin ich durch einen Freund selber auf den Trichter gekommen. Und ich setze noch einen drauf. Ich besitze nämlich eine Küchenmaschine, die unter fürchterlichen Geräuschen Getreide mahlt.

Radieschen, Biogurken, Mini-Rispentomaten
gab es früher nur zu den Zeiten in denen die Gemüsesorten im Garten draußen wuchsen, also jetzt schon lange nicht mehr. Ausnahme: Die ersten Gewächshausgurken gab es schon im Frühling, aber dann nur für kurze Zeit.

Fliederbeer-Saft
Die einzige Möglichkeit in den Genuss der heilsamen Wirkung von Fliederbeer-Saft zu kommen, war Selbstinitiative. Man musste ein paar Büsche in der Umgebung kennen, und möglichst im Besitz eines Entsafters sein. Die eigene Saftherstellung war aber nur etwas für Kundige, da es bei unsachgemäßer Handhabung gern zu Schimmelpilzbefall kam. Meine Oma konnte ein Lied davon singen.

Taschentücher
Diese ökologischen Umweltbomben, waren früher absolute Mangelware. Die DDR-Bürger mussten sich ihre triefenden Nasen an Stofftaschentüchern abwischen, und es ging auch, aber ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht mehr wie.

KerrygoldShortbread
habe ich gekauft, weil ich gelesen habe, dass sie angeblich bei keiner original englischen Teezeremonie fehlen dürfen. Mein Freundeskreis und ich haben vor der Wende alle keinen Kaffee getrunken, weil er so teuer war. Außerdem konnte man den Tee auch mehrfach aufgießen. Unser Rekord waren mal 8 Aufgüsse von einer Teekanne. Nach der Wende trinken alle nur noch Kaffee, und der Tee ist vollkommen vergessen.

Kurzbiografie Tanja

Ich bin 1962 in einem kleinen Dorf in Mecklenburg Vorpommern geboren worden und mit 19 nach Berlin gekommen. Ich übte viele verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.
Zeitzeugeninterview mit Tanja